„Jetzt ist Früher heute“

Die Rekonstruktionswelle, die Deutschland derzeit im Griff hat, ist nicht zu übersehen. In Braunschweig entstand vor einigen Jahren die Fassade des Residenzschlosses neu, dessen Ruinen 1960 beseitigt worden waren. In Frankfurt am Main wurde kürzlich der Grundstein zum Wiederaufbau einiger Fachwerkhäuser nahe des Doms gelegt und in Dresden wird dem im Zweiten Weltkrieg nahezu komplett zerstörten Neumarkt seit gut zwanzig Jahren ein historistisches Gesicht verpasst. Dass sich die ambitionierten Plänen dabei nur selten am Originalzustand orientieren, scheint die wenigsten zu stören. Die barockisierenden Fassaden am Neumarkt entstehen beispielsweise vor Betonwänden, die Front des Braunschweiger Schlosses dient heute allein als Kulisse für ein banales Einkaufszentrum, das sich hinter dem historistischen Anblick ausbreitet. Anders als man vermuten könnte, geht mit der Retrowelle zudem keine zunehmende Wertschätzung der noch authentisch überlieferten Altbausubstanz einher. Bundesweit fallen schützenswerte Altbauten den Abrissbaggern zum Opfer, weil sie heutigen Ansprüchen nicht mehr entsprechen oder ihr Erhalt als entbehrlicher Luxus betrachtet wird.  Passend dazu wird landauf, landab auch eine Lockerung des Denkmalschutzes diskutiert. In Schleswig-Holstein wurde vor einigen Monaten das Denkmalamt entmachtet, in Sachsen konnte im letzten Jahr ein ähnlicher Schritt nur knapp verhindert werden.

Mit dieser paradoxen Entwicklung befasst sich Hanno Rauterberg in dem Zeit-Artikel „Jetzt ist Früher heute“. Der Autor argumentiert, dass sich unser Verhältnis zur Zukunft und zur Vergangenheit grundlegend gewandelt hätte: „Die Grenzen fallen: die räumlichen Grenzen, die Grenzen zwischen privater und öffentlicher Sphäre und nun auch die Grenzen zwischen Heute und Früher.“ Dies führe dazu, das der Erhalt von Denkmälern, die nach den Unterschieden zwischen Gestern und Heute fragen, als überflüssig betrachtet werde. Die Wiederaufbauprojekte, zu denen sich demnächst mit dem Berliner Stadtschloss ein weiterer prominenter Bau gesellen wird, seien allein als Gesten der Macht zu begreifen: „Ganz offensichtlich geht es bei diesen Retroprojekten weniger um die Rückgewinnung der Geschichte als um einen Triumph der Gegenwart.“

Direkt zum Artikel in der Zeit vom 24.01.2012

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Eine Antwort zu “„Jetzt ist Früher heute“

  1. Sehr schöner Kommentar! Besonders gut hat mir die Erwähnung des Berliner Stadtschlosses gefallen! Auch ein kleiner Triumph..;) LG, berlinspires

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