Abrisswelle in Mitte

Altbauten geben jeder Stadt ihr Gesicht. Nach den verheerenden Zerstörungen Berlins im Zweiten Weltkrieg ist von der Bebauung der Vorkriegszeit in einigen Gegenden kaum noch etwas erhalten. Umso wertvoller sind daher Viertel wie der Bergmanstraßenkiez in Kreuzberg oder die Gegend um die Kastanienallee in Mitte/Prenzlauer Berg, die eine größtenteils geschlossene (vor)gründerzeitliche Bebauung aufweisen. Waren diese Stadtteile in den 1960er/70er Jahren von Flächensanierungen bedroht, wurden sie in den zurückliegenden Jahrzehnten als qualitätsvolle Stadträume anerkannt und z.T. von der Politik auch als Erhaltungsgebiet unter Schutz gestellt. Dies bedeutet, dass die charakteristische Baustruktur erhalten werden soll und Altbauten nur in Ausnahmefällen abgerissen werden dürfen. Nach der meist behutsamen Erneuerung in den vergangenen Jahren gehören die Altbaugebieten heute zu den beliebtesten (und teuersten) der Stadt.                                                                                                        Vor diesem Hintergrund verwundert es umso mehr, dass genau hier nun Altbauabrisse offenbar wieder salonfähig werden.

Als im Frühsommer der Abriss eines Altbaus in der Kastanienallee 42, der mit über 150 Jahren vermutlich einer der ältesten der Straße war, bekannt wurde, vermittelte Kristina Laduch, Leiterin des Stadtplanungsamtes Mitte, in einem Artikel der taz noch, dass es sich um einen Ausnahmefall handeln würde: „Wir haben es uns nicht einfach gemacht. Allein der Wunsch eines Eigentümers, statt einem weniger schicken Altbau einen tollen Neubau hinzusetzen, reicht da nicht aus“. Der Abriss sei erst nach einer ausführlichen Prüfung genehmigt worden. Nachdem zwischenzeitlich auch in der nahe liegenden Rheinsberger Straße 32 ein Altbau fallen musste (Ende 2010), beginnt in diesen Tage der Abriss eines weiteren Gebäudes in der Kastanienallee 64. Die schlechte Bausubstanz kann hier kaum ein Grund für den Abbruch sein, wurde das Gebäude doch in den 1990er Jahren saniert und präsentiert und sich von außen heute in einem guten Zustand. Eine Erklärung für den wenig behutsamen Umgang gibt der Blick auf die Neubaupläne des Investors: statt vier Geschossen wird das neue Haus nun sechs besitzen.

Sicherlich gehören die drei angesprochenen Fälle nicht zu den architekturgeschichtlich und bauhistorisch herausragenden Gebäuden der Stadt. Ihr Erhaltungswert ergibt sich jedoch im Einklang mit der Nachbarbebauung. Sie prägten das historische Gesamtbild, denn die geschlossene Altbaubebauung gehört hier zum Straßenbild. Die relativ niedrigen Häuser vermittelten einen Eindruck von der Erstbebauung der Straßen, wurden sie doch noch vor den Mietskasernen der Gründerzeit errichtet. Zudem besaßen sie charakteristische Details wie Sockelgeschosse, mit Rundbogen abgeschlossene Tordurchfahrten und Satteldächer, die von den Neubauten natürlich nicht mehr aufgegriffen werden.

Auch die Bauherren selbst wissen um die Besonderheiten der historischen Atmosphäre des Kiezes. „Baumbestandene Straßen, gefasst von vier- bis sechsgeschossigen Häusern (…) prägen auch heute noch das Orsbild. Das Umfeld hat sich in den letzten Jahren sehr positiv entwickelt. Altbauten wurden saniert (…)“, steht auf der Seite http://www.rheinsberger32.de/ geschrieben. Die Investoren von K63/42 wissen darüber hinaus zu berichten: „DDR-Zeiten sollte die ganze Gegend zuerst entmietet und dann abgerissen werden, um ein ehrgeiziges Wohnungsbauprogramm durchzuführen.“ (http://www.kastanienallee63.com/) Geschickt wird kaschiert, dass nun genau dies aber hier nun passiert.

Reaktionen auf den Abriss des Hauses Kastanienallee 42                       (die sich auch mit soziologischen Gesichtspunkten befassen)

Die taz vom 10.6.20120                                                                                                   Freitag vom 19.5.2010                                                                                          Gentrification Blog

Neubaupläne

Rheinsberger Straße 32                                                                                 Kastanienallee 64                                                                                                                (Zu den Neubauplänen des Hauses Kastanienallee 42 wurden im Netz keine Visualisierungen gefunden)

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5 Antworten zu “Abrisswelle in Mitte

  1. Eine erschreckenede Entwicklung. Wieder einmal habe ich das Gefühl, dass die Ämter nur noch alles investorenfreundlich abnicken. Nachhaltige Stadtentwicklung sieht anders aus!

  2. Bei aller Liebe zu schönen Altbauten (bewohne selber einen Altbau) glaube ich, daß da zwei verhärtete Fronten sich bilden und pauschalisieren. Nein, nicht jeder Altbau muß weg, aber mancher ist so schief und verrutscht, braunes Wasser kommt aus den Rohren, da ist nichts mehr zu retten. Neues, wohlhabendes Publikum kommt in bestimmte Stadtteile und natürlich ändert sich eine Stadt mit den Dekaden. Wollen wir lieber in einem auseinanderkrümelden Museum vom Berlin des frühen 20. Jahrhunderts leben?

  3. Werter Wolfgang, wen Sie genauer hingeschaut hätten, z.B. mit einem Klick auf das Foto oben rechts, dann hätten Sie erkennen können, dass es sich bei dem abgerissenen Haus um ein bereits modernisiertes Objekt gahealten hat. Fassade neu, alle Fenster neu.
    Im ürbigen ist es nicht nur eine Frage der Stadtästhetik, sondern auch der Nachhaltigkeit. Die Ressourcenverschwendung für Abriss und Neubau ist purer Luxus, nicht nur der Preis der Wohnungen, die dabei entstehen.

  4. Pingback: Abschied von der behutsamen Stadtentwicklung « Leute am Teute

  5. Wollen wir lieber in einem auseinanderkrümelden Museum vom Berlin des frühen 20. Jahrhunderts leben?

    Ja, wollen wir. Das ist besser als seelenlose Betonsilos wie im Brunnenviertel oder Tiergarten.

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