Diskussionen um geplanten Neubau am Schlossplatz

Nein, die Rede ist hier nicht vom Schloss selbst, sondern einem Bau, der demnächst in unmittelbarer Nachbarschaft des Schloss-Baufelds entstehen soll – an einer Stelle, an der vermutlich viele kein neues Gebäude erwartet hätten. Auf einem Grundstück am südwestlichen Rand des Platzes, der derzeit nur vom ehemaligen Staatsratsgebäude der DDR gefasst wird, möchte der Industriekonzern ThyssenKrupp seine Hauptstadtrepräsentanz errichten. Seitdem vor einigen Tagen die Ergebnisse des zweistufigen Architekturwettbewerbs präsentiert wurden, bemängeln Kritiker vor allem zwei Punkte. Zum einen sei der Standort für einen Bau ungeeignet, zum anderen die geplante Fassadengestaltung alles andere als passend für diesen prominenten Ort zwischen künftigem Humboldt-Forum und der Bauakademie.

Die Niederlassung von ThyssenKrupp soll direkt vor dem Westflügel des ehemaligen Staatsratsgebäudes entstehen. Der Konzern erwarb das 737m² große Grundstück bereits vor Jahren für 3 766 Euro vom Land Berlin. Eine Bebauung an dieser Stelle ist deshalb möglich geworden, da das Planwerk Innenstadt des früheren Senatsbaudirektors Hans Stimmann, das im Jahr 1999 vom Senat als städtebauliches Leitbild verabschiedet wurde, hier eine Verdichtung des Stadtraums vorsieht. Die Pläne orientieren sich vor allem am Vorkiegszustand und weniger am jetzigen Baubestand, weshalb der geplante Bau für viele deplatziert wirkt. Zwar nimmt er die Bauflucht des westlich gelegenen Außenministeriums auf, doch der Übergang zum ehemaligen Staatsratsgebäude gestaltet sich problematisch. Die rechte Teil der Schauseite dieses wichtigen DDR-Baudenkmals wäre zugestellt und damit nicht mehr in ihrer gesamten Ansicht erlebbar. Zudem würde der Abstand zwischen Neubau und Altbau gerade einmal 14 Meter betragen.

Seitdem nun auch Visualisierungen des Siegentwurfs im Umlauf sind (klick und klick), wird außerdem die vorgesehene Fassadengestaltung bemängelt. Das Hamburger Architekturbüro Schweger & Partner plant einen 26 Meter hohen Bau mit sieben Geschossen, der sich auf einer nahezu quadratischen Fläche erheben soll. Über dem zweiten Obergeschoss ist eine Terrasse angedacht. Die Fassade soll in erster Linie aus Glas bestehen (ein Fakt, der übrigens auch nicht im Sinne der ursprünglichen Planwerks Innenstadt ist. Hans Stimmann trat vor allem für steinerne Fassaden ein). Der Bruch zum baulichen Umfeld, in dem vor allem Sandstein dominiert, ist offensichtlich.

Während sich die heutige Senatsbaudirektorin Regula Lüscher mal wieder zufrieden mit dem bewusst modern gehaltenem Entwurf zeigt, hagelt es Kritik von Stadthistorikern, Architekturkritikern und auch Politikern. Fest steht jedenfalls, dass das positive Urteil der Jury nicht der Weisheit letzter Schluss sein wird: „Kennzeichen des Entwurfs ist die sorgsame Platzierung und Proportionierung des Baukörpers im Kontext des Staatsratsgebäudes und des weiteren Umfelds. Durch seine homogene Fassadenstruktur, die leichte Drehung und das offene Zwischengeschoss erhält der Neubau eine abstrakte skulpturale Qualität, wodurch der Entwurf eine zeitlose Eleganz von hohem Niveau erreicht.“

Bilder vom derzeitigen Zustand

Berichterstattung in der Presse

Baunetz-Meldung vom 27. Januar                                                                           Berliner Zeitung vom 27. Januar                                                                                      Der Tagesspiegel vom 26. Januar

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4 Antworten zu “Diskussionen um geplanten Neubau am Schlossplatz

  1. Roland von Gilead

    Ein Grundstück für 3766 EUR?

  2. Ja, das ist wirklich erstaunlich. Die Berliner Zeitung schreibt: „ThyssenKrupp hatte das 737 Quadratmeter große Baugrundstück für 3 766 Euro vom Land Berlin erworben. Der Preis war so niedrig, weil damit Mehraufwendungen des Konzerns für das schwierige Baugrundstück in Höhe von 1,87 Millionen Euro verrechnet wurden. So muss unter anderem ein Regenüberlaufkanal überbaut werden.“ (http://www.berliner-zeitung.de/berlin/thyssenkrupp-haus-bedraengt-staatsratsgebaeude-nur-14-meter-abstand,10809148,11521516.html)

  3. Pingback: “Umgang mit DDR-Architektur in Potsdam – Verschwindende Brüche” | Stadt.Bild.Berlin

  4. Pingback: Eilmeldung: Thyssen-Krupp verzichtet auf den Bau einer Hauptstadtrepräsentanz am Schlossplatz | Stadt.Bild.Berlin

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