Supermarktbuden erobern die Innenstadtbezirke – Beispiel Prenzlauer Berg

Prenzlauer Berg gehört nicht zufällig zu den beliebtesten Wohngegenden der Berliner Innenstadt. Die größtenteils geschlossene Bebauung aus der Jahrhundertwende erzeugt ein intaktes Straßenbild. Vergleichsweise ruhige innerstädtische Wohnstraßen und kurze fußgänger- und fahrradfreundliche Wege bieten ein attraktives Lebensumfeld – nicht ohne Grund vor allem für Familien. Bauliche Fehlentwicklungen fallen an diesem Ort natürlich besonders ins Auge. Der vor kurzem neu eröffnete Netto-Markt in der Stahlheimer Straße auf einem Grundstück direkt nördlich der Ringbahntrasse gehört zu den aktuell bedauerlichen Beispielen. Der Bau ist nicht nur aus städtebaulicher Sicht höchst problematisch. Die Art und Weise der Flächennutzung an dieser Stelle produziert Vorgänge, welche der für den Prenzlauer Berg typischen Lebenskultur mit ihren Straßencafés und von vielen Passanten belebten Bürgersteigen völlig konterkariert.

I. Die städtebauliche Fehlplanung         

   

Die Ansicht des neuen Netto-Marktes von Süden aus offenbart sofort die städtebaulichen Mängel. Als eingeschossiger Flachbau ausgeführt, verweigert die Supermarktfilialen jeglichen Dialog mit der sich nördlich anschließenden mehrgeschossigen Wohnbebauung. Durch den quer zur S-Bahn-Trasse gestellten Riegel erscheint die Brandmauer des Nachbarbaus nun präsenter als zuvor. Anstatt sich an der Höhe der in diesem Gebiet üblichen Traufhöhe zu orientieren und verloren gegangene Raumfluchten wiederherzustellen, wurde an dieser Stelle eine städtebauliche Wunde wortwörtlich zementiert.

II. Die stadtplanerische Fehlplanung                                                                       Der neue Netto-Markt offenbart allerdings nicht nur große städtebauliche Mängel. Er wirkt sich zudem in mehrfacher Hinsicht negativ auch auf die umliegende Lebensqualität aus – die, wie angesprochen, als besonders gut gilt. Die Supermarktfiliale entwertet allein durch ihre banale Architektur die unmittelbare Nachbarschaft. Als besonders schwerwiegend stellt sich außerdem der völlig überdimensionierte Parkplatz dar. Ohne jeglichen erkennbaren Gestaltungswillen angelegt und nachts von für Gewerbegebiete typischen Laternen beleuchtet, bewirkt er erstens eine stadtfeindliche Atmosphäre, die einem innerstädtischen Gebiet völlig unangemessen ist. Zweitens animiert das großzügige Parkplatzangebot die Kunden regelrecht, die Einkäufe mit dem eigenen Fahrzeug zu erledigen. Dies passiert jedoch völlig ohne Notwendigkeit. Das Einzugsgebiet des Marktes ist überschaubar, das Wohngebiet dicht bevölkert. Zudem liegt die Straßenbahnhaltestelle direkt vor der Tür. Es werden gezielt Verkehrsströme in einer Nebenstraße erzeugt, die man hätte vermeiden können.

Alle wichtigen Stadtplanungsdebatten der heutigen Zeit werden von dem Begriff Nachhaltigkeit dominiert. Der neue Netto-Markt in der Stahlheimer Straße ignoriert diese völlig. Dies wird neben den bereits genannten baulichen und stadtplanerischen Mängeln besonders anschaulich, wenn man sich vor Augen führt, welche anderen Nutzungen an dieser Stelle denkbar gewesen wären. So mangelt es in Prenzlauer Berg vor allem an Wohnraum, daneben an Kindereinrichtungen und Spielplätzen. Die Notwendigkeit eines Supermarktes an dieser Stelle ist überhaupt überaus fraglich. Die Kette Kaiser´s ist mit einer (ebenfalls wenig ansehnlichen) Filiale direkt auf der gegenüberliegenden Seite der S-Bahn-Trasse vertreten. Zu den Schönhauser Allee-Arkaden sind es keine zehn Gehminuten.

Der Netto-Markt in der Stahlheimer Straße ist leider kein Einzelfall. Überall in Berlin wuchern die seelenlosen Buden der Supermarktketten aus dem Boden. Beängstigend ist diese Entwicklung neuerdings auch deshalb, da die 0815-Boxen zunehmend auch in innerstädtische Areale drängen. Der Lidl-Markt in der Heinrich-Heine-Straße in Mitte nahe dem ehemaligen Mauerreifen in Berlin-Mitte oder Metro am Ostbahnhof sind weitere drastische Beispiele dafür. Keine Frage, die flächendeckende Nahversorgung muss überall sichergestellt werden. Dies darf jedoch nicht auf Kosten der Stadtbild- und Lebensqualität passieren. Ein mehrgeschossiges Wohnhaus mit integriertem Supermarkt wäre für die Stahlheimer Straße die in vielerlei Hinsicht bessere – vor allem nachhaltigere – Option gewesen.

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