Balfron und Trellick Tower – zwei Ikonen des Brutalismus

Der ungarisch-britische Architekt Ernő Goldfinger (1902 in Budapest -1987 in London) war ein bedeutender Architekt der Moderne und einer der wichtigsten Vertreter des Brutalismus. Diese Architekturströmung, die vor allem die Verwendung des Baumaterials Formbeton charakterisiert, erlebte in den 1960er Jahren ihre Hochphase. Während dieser Zeit sind auch die zwei bedeutendsten Bauwerke von Goldfinger entstanden: die beiden skulptural wirkenden Wohnhochäuser Balfron Tower und Trellick Tower in London.

Goldfingers Werk war stark von Le Corbusiers Schaffen beeinflusst. Er hatte den Architekten während seines Studiums an der École des Beaux-Arts in Paris in den 1920er Jahren kennengelernt und beteiligte sich 1933 am Congrès International d’Architecture Moderne (CIAM), eines avantgardistischen Architektenzirkels, der u.a. von Corbusier initiiert wurde. Eine gewisse Ähnlickeit zwischen den beiden Wohnhochäusern in London und der von Corbusier ab Ende der 1940er Jahre entwickelten Unité d’Habitation, einem modernen Wohnhaustyp, ist daher nicht zu übersehen.

I. Der Balfron Tower

Der Balfron Tower befindet sich im Londoner Stadtteil Poplar im East End nahe der A12 (Northern Approach). Er wurde von 1965 bis 1967 von der Baubehörde Greater London Council als Projekt des sozialen Wohnungsbaus errichtet. Aufgrund seiner 27 Stockwerke, die eine Gesamthöhe von 84 Metern ergeben, stellt das Bauwerk eine auffällige Dominante in der Umgebung dar. Neben dem Hochhaus gehört auch das Carradale House zur Wohnanlage.                                       Der Balfron Tower besitzt insgesamt 146 Wohneinheiten. Sein markantes Erscheinungsbild erhält er vor allem durch den separat errichteten Serviceturm, der neben Waschküchen, Müllschlucker und Heizungsraum unter dem Dach die Aufzugsanlage für die Erschließung des Gebäudes beherbergt. Da der Aufzug nur jede dritte Etage bedient, verbinden insgesamt sieben Brücken den Serviceturm mit dem Hauptturm. Als Baumaterial überwiegt Beton. So besteht die Fassade größtenteils aus Waschbetonplatten.
Das Carradale House steht nördlich des Balfron Tower und ist aufgrund seiner wesentlich niedrigeren Höhe weniger auffällig. Es wurde in den Jahren 1967 bis 1970 erbaut, ist 37 Meter hoch und beherbergt 88 Wohnungen in 11 Stockwerken. Das Gebäude setzt sich aus zwei Wohntrakten zusammen, die durch einen ebenfalls sparat errichteten Aufzugsturm in der Mitte erschlossen werden.                                                                                                                                                Unter der Wohnanlage befindet sich eine Tiefgarage. Benannt wurden die Gebäude übrigens nach schottischen Dörfern.
Seit 1996 steht der Balfron Tower auf der Denkmalliste. Das Carradale House wurde im Jahr 2000 unter Schutz gestellt. Derzeit wird die Anlage denkmalgerecht saniert.

II. Der Trellick Tower

Der Trellick Tower ist das bekanntere Bauwerk der architektonischen Zwillinge. Er wurde von 1966 bis 1972 ebenfalls im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus errichtet und steht im Stadtteil North Kensington westlich des Zentrums. Mit seinen 98 Metern und 31 Stockwerken überragt auch dieer Turm die nähere Umgebung. Das Haus umfasst 217 Wohnungen in neun verschiedenen Grundrissen, die allesamt eigene Balkon besitzen. Außerdem sind sechs Läden, ein Büro sowie Kinder- und Fraueneinrichtungen in dem Gebäude untergebracht. In seiner Gestaltung orientiert sich das Hochhaus stark am wenige Jahre zuvor fertiggestellten Balfron Tower. Auch hier wurde die Aufzugsanlage, die wiederum jede dritte Etage erschließt, in einem separaten Turm untergebracht Die Anbindung an das Haupthaus erfolgt über insgesamt zehn Brücken. Im Unterschied zum Balfron Tower überragt der Serviceturm das Haupthaus allerdings um einige Meter. Das Erscheinungsbild wird darüber hinaus von Balkonen geprägt, die ein grafisches Muster aus Rechtecken bilden.                                                                                                                                                   Die Aufnahme in die Denkmalliste erfolgte im Jahr 1998 mit folgender Begründung: „It […] embodies the best ideas of the time on high rise housing.“ [1]

Nachdem beide Gebäude in den 1980er Jahren als soziale Brennpunkte in Verruf geraten waren („Tower of Terror“), wurden sie in den letzten Jahren als Kultobjekte und Wahrzeichen der Moderne wiederentdeckt und sind heute beliebte Wohnanlagen.

Lageplan:                                                                                                                              

Eintrag in die Denkmalliste von English Heritage                                        Balfron Tower: http://list.english-heritage.org.uk/resultsingle.aspx?uid=1334931                                                                                                 [1] Trellick Tower: http://list.english-heritage.org.uk/resultsingle.aspx?uid=1246688

Zur Vertiefung                                                                                                                         Nigel Warburton (2003): Ernő Goldfinger: The Life of an Architect         Alexander Clement (2011): Brutalism: Post-war British architecture

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Eine Antwort zu “Balfron und Trellick Tower – zwei Ikonen des Brutalismus

  1. Ich bin in London zufällig an diesem „Ungetüm“ vorbeigelaufen und musste ersteinmal einen Passanten fragen, was das für ein unglaubliches Gebäude ist. Begeisterung und Unbehagen haben sich dann gemischt, als ich es mit einem Anwohner betreten habe.
    Ist lange her_ hatte schon fast vergessen wie bedrohlich dieser Komplex ist. Danke für die Fotos

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