Kurz vor dem Abriss: Das Haus der Statistik

Seit der Verabschiedung des Planwerks Innenstadt am 18. Mai 1999 haben Gebäude aus der Nachkriegszeit in der Berliner Innenstadt einen schweren Stand. Das unter der Rigide von Hans Stimmann (Senatsbaudirektor in Berlin von 1991-96 und 1999-2006) beschlossene städtebauliche Leitbild [1] sieht vor, die Neubebauung im historischen Zentrum der Hauptstadt zukünftig größtenteils am Straßengrundriss der Vorkriegszeit zu orientieren. Dieses Vorhaben gerät an zahlreichen Stellen der Stadt mit der vorhandenen Bebauung in Konflikt, die im Wesentlichen aus der Wiederaufbauphase nach dem Zweiten Weltkrieg stammt. Dort, wo bereits konkrete Schritte, die sich auf das Planwerk berufen, unternommen wurden, hat sich das Stadtbild drastisch verändert. Das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR auf dem Friedrichswerder [2], die Großgaststätte Ahornblatt [3] an der Gertraudenstraße oder der Palast der Republik [4] am Schlossplatz sind nur einige Beispiele für prominente DDR-Bauten, die bisher weichen mussten. In absehbarer Zeit wird ein weiteres stadtbildprägendes Gebäude aus dieser Zeit den Abrissbaggern zum Opfer fallen: Das Haus der Statistik.

Das Gebäude liegt nordöstlich vom Alexanderplatz an der Otto-Braun-Straße Ecke Karl-Marx-Allee. Es wurde von 1968 bis 1970 nach einem Entwurf eines Architektenkollektivs um Manfred Hörner als Sitz der Staatlichen Zentralverwaltung für Statistik in Stahlbeton-Skelettbauweise erbaut. Im Erdgeschoss befanden sich zu DDR-Zeiten verschiedene Läden und gastronomische Einrichtungen, außerdem beherbergte der Komplex Nebenstellen des Ministeriums für Handel und Versorgung sowie den Volkseigenen Betrieb (VEB) Maschinelles Rechnen. Nach der politischen Wende 1989/90 zogen eine Außenstelle des Statistischen Bundesamtes und die Behörde der „Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatsicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik” ein. Seit deren Auszug im Jahr 2008 steht das Gebäude leer.
Das Haus der Statistik besteht aus drei Teilen. An der Karl-Marx-Allee steht der elfgeschossige Kopfbau, dem sich im rechten Winkel entlang der Otto-Braun-Straße ein Riegel mit neun Geschossen anschließt. Dieser wiederum findet seine Fortsetzung in einem zurückversetztem Hochbau, der zwölf Etagen zählt. Durch die Dreiteiligkeit des Komplexes ergibt sich ein asymmetrische, abwechslungsreiche Komposition wie auch ein Blick auf den Grundriss verdeutlicht. Die Fassaden bestehen aus schmalen Fensterbändern mit Holzkastenfenstern und Betronbrüstungselementen. Der mittlere Baukörper weist frei auskragende Schmuckelemente auf, die aus eloxiertem Aluminium hergestellt und vor die Fassade gesetzt sind. Die Ladenflächen im Erdgeschoss werden pavillonartig vorgezogen und durch vorgeblendete Natursteine plastisch gegliedert. Am Haupteingang ist ein Kunstwerk von Fritz Kühn montiert, das auf einem Kupferrelief die Entwicklung des mathematischen und technischen Denkens darstellt.

An städtebaulich wichtiger Stelle plaziert, akzentuiert das Haus der Statistik die Straßenkreuzung und bildet zusammen mit dem gegenüberliegenden Haus der Lehrers eine Torsituation zur Karl-Marx-Allee.
Die zukünftige Planung sieht anstelle des Gebäudes neungeschossige Blöcke vor. Nach Helmut Kästner, Projektleiter der Senatsverwaltung für die Planungen am Alexanderplatz, muss das Haus der Statistik weichen, da es „nicht mehr den Anforderungen an ein modernes Bürogebäude“ entspricht.[5] Den Wettbewerb zur Neuordnung des Areals gewann im Januar 2010 das Architekturbüro Augustin und Franken aus Berlin. Die vorgesehene Eckbebauung an der Karl-Marx-Allee soll weit nach vorne gezogen werde – auf Kosten eines weiteren authentischen DDR-Baus. Bis es soweit ist, wird auf dem Dach des Gebäudes die zehn Meter hohe Leuchtfigur Neon Indian zu sehen sein, die im Rahmen der im Juli verantstalteten Kunsthallen-Schau „Based in Berlin“ von dem Künstler Cyprien Gaillard gefertigt wurde.

Zur Vertiefung:
Korn, Roland; Weise, Klaus: Berlin. Bauten unserer Tage, Berlin 1985.
Müller, Peter: Die Ost-Berliner Zentrumsplanung zwischen Repräsentation und Agitation, Berlin 2005.

Über das Planwerk Innenstadt:
http://www.stadtentwicklung.berlin.de/planen/planwerke/de/planwerk_innenstadt/
Über die geplante Umgestaltung:
http://www.competitionline.de/3032277/
Zur Erinnerung:
http://www.s-wert-design.de/pillowsZ-d.html

[1] Vor einigen Monaten von Senatsbaudirektorin Regula Lüscher als „Planwerk Innere Stadt“ etwas modifiziert und „entschärft“.                                                                  [2] 1964-67, Architektenkollektiv Josef Kaiser.
[3] 1971-73, Architekten: Gerhard Lehmann, Ulrich Müther, Rüdiger Plaethe, Helmut Stingel.
[4] 1973-76, Architektenkollektiv Heinz Graffunder.
[5] in:  Berliner Morgenpost vom 26. Januar 2010: Berlins Mitte wächst am Alexanderplatz.

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2 Antworten zu “Kurz vor dem Abriss: Das Haus der Statistik

  1. Pingback: „Unbequeme“ Denkmäler brauchen Fürsprecher | Stadt.Bild.Berlin

  2. Stand 26.04.2014 steht das Haus der Statistik immer noch unangerührt an seinem Platz. Es gibt keinen Termin für einen Abriß, es soll verkauft werden.

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