Brighton | Lebhaftes Seebad vor historischer Kulisse | Teil I

Brighton, auch London-am-Meer genannt, liegt keine Stunde Zugfahrt südöstlich der britischen Hauptstadt. Die kosmopolitische Stadt mit 156,000 Einwohnern ist das wohl bekannteste Seebad an Englands Küste und blickt auf eine lange Tradition zurück. Dies belegt eindrucksvoll vor allem auch das architektonische Erbe der Stadt.

Der Aufstieg zum eleganten Badeort begann ab Mitte des 18. Jahrhunderts. Bis zu diesem Zeitpunkt waren Brighton und der Nachbarort Hove zwei kleine unbedeutende Fischerdörfer. Nachdem der in Brighton praktizierende Arzt Richard Russell eine viel beachtete Schrift über die heilende Kraft des Meerwassers veröffentlichte, geriet das abgelegene Fleckchen Erde in den Blickpunkt der feinen Gesellschaft aus London.

Den Mittelpunkt der Stadtanlage bildet heute der bekannte Brighton-Pier. Von hier aus bieten sich zwei Rundgänge an, die an den bedeutensten Baudenkmälern der Stadt vorbeiführen. Rundgang I (s. blaue Linie auf Karte) führt in westliche Richtung am Meer entlang und durch die eleganten westlichen Stadtteile Brunswick und Hove. Rundgang II konzentriert sich dagegen vor allem auf das östlich des Brighton Piers gelegene Kemp Town.

Rundgang I: Brighton Zentrum & Brunswick

Der rasante Aufstieg zum mondänen Kurort nahm mit dem Bau des Royal Pavilion (1) seinen Lauf, der sich schnell zum Treffpunkt der gehobenen Gesellschaft entwickelte. Das Gebäude wurde in mehreren Bauabschnitten zwischen 1787 und 1823 im Auftrag des Prinzen von Wales,  dem späteren König Georg IV. (1762-1830), errichtet. Für den Entwurf zeichnete sich im Wesentlichen der bekannte Architekt John Nash (1752-1835) aus, der sich an den Mogulpalästen Indiens orientierte. Entsprechend exotisch mutet das Gebäude an.  Der Royal Pavilion war eien Initialzündung für die weitere bauliche Entwicklung der Stadt. So verdoppelte sich die Anzahl der Häuser zwischen 1820 und 1830 auf 8000.

Der Clock Tower (2) von Brighton wurde 1888 zu Ehren des goldenen Thronjubiläums von Königin Victoria (1819-1901) eingeweiht. Er befindet sich an zentraler Stelle auf dem Weg vom Bahnhof zur Küste und ist im historistischen Stil mit barocken Anklängen gehalten.

Ein exotisches Erscheinungsbild besitzt auch der Western Pavilion (3) mit der Adresse 9 Western Terrace etwas weiter westlich des Clock Tower. Dieser wurde nach Plänen des Architekten Amon Henry Wilds 1827/1828 als Homage an den Royal Pavilion errichtet. Wilds (1784 oder 1790-1857) war maßgeblich an der baulichen Entwicklung vom Fischerdorf zum populären Seebad beteiligt und auch für zahlreiche andere bis heute das Stadtbild prägende Gebäude verantwortlich. Der Western Pavilion vereint orientalische und indische Architekturformen. Das Gebäude diente dem Architekten selbst als Wohnhaus.

Die nächste  architektonische Sehenswürdigkeit ist der Adelaide Crescent mit dem sich dahinter anschließendem Palmeira Square. Die Platzanlage liegt inmitten des Stadtteils Brunswick (4). Die Grenzen bilden im Osten die Montpelier Road und im Westen die Grand Avenue. Brunswick ist bekannt für seine eleganten Stadthäuser aus der Epoche des spätklassizistischen Regency Style (dt. Regentschafts-Stil). Dieser folgte in England dem spätbarocken bzw. frühklassizistischem Georgian Style und wird als Stilbegriff für die Zeit von 1783 bis 1834 benutzt.  Namensgebend war die Regentschaft des bereits erwähnten Prinzen von Wales, der als Bauherr viele stilprägende Gebäude in Auftrag gab. Typische Elemente sind Gusseisenbalkone, eine eher horizontale Fassadengestaltung und Zitate antiker Formen, v.a. Säulen. Ein geschlossenes Fassadenbild befindet sich zum Beispiel in  der Straße Brunswick Place.

Die großzügige Platzanlage des Adelaide Crescent und Palmeira Square (5), die sich von der Seeseite bis zur Western bzw. Church Road erstreckt, ist ein weiteres Musterbeispiel des Regency Style. Der Bau der Häuser am halbmondförmige Adelaide Crescent wurde im Auftrag des Bankiers Sir Isaac Goldsmid, Besitzer des Landes, 1831 begonnen und erst 1860 endgültig abgeschlossen. Anders als ursprünglich geplant, wurde die Nordseite nicht mit einer Bebauung geschlossen,  sondern leitet als offene Grünanlage zum Palmeira Square über.

Von hier aus bietet sich ein Abstecher ins weiter westlich gelegene Hove an. Beschauliche Wohnstraßen mit historischem Baubestand aus dem 19. Jahrhundert prägen das Bild. Der eigentliche Rundgang führt jedoch vom Adelaide Crescent in östliche Richung am Meer zurück. Nach gut 200 Metern an der Promenade Kingsway entlang überrascht eine weitere elegante Platzanlage. Der Brunswick Square (6) ist ebenfalls in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden. Der rechteckige Platz ist zum Meer hin geöffnet. Das Ensemble setzt sich über die Brunswick Terrace (7) parallel zum Kingsway fort.

Ein ganz besonderes Kleinod ist der Konzertpavillon (8) zwischen King`s Road und Meer. Der von Phillip Lockwood entworfene Unterstand wurde 1884 eingeweiht und gilt als einer der schönsten erhaltenen Pavillons aus viktorianischer Zeit (1837-1901).

Etwas älter ist, wie der Name schon vermuten lässt, der rechteckige Regency Square (9). Die etwa 70 herrschatlichen Häuser, die den Platz umgeben, wurden zwischen 1818 und 1830  für die soziale Elite im Auftrag des Geschäftsmannes Joshua Flesher Hanson gebaut. Für den Entwürfe zeigten sich der bereits erwähnte Amon Henry Wilds, dessen Vater Amon Wilds (1762-1833) sowie Charles Busby (1788-1734) verantwortlich. Alle drei Architekten prägten das Stadtbild entscheidend. Nach dem Ersten Weltkrieg verlor der Brunswick Square seinen exklusiven Charakter, als sich zahlreiche  Hotels am Platz und in der Umgebung ansiedelten. Die Grünfläche in der Platzmitte war ursprünglich den Anwohner vorbehalten, ist seit 1884 aber für die Öffentlichkeit zugänglich.  Das dort stehende Kriegerdenkmal  von 1904 gedenkt den 152 Gefallenen des Royal Sussex Regiments während des Zweiten Burenkrieges.

Vom Regency Square  aus schweift der Blick auf die traurigen Reste des West Pier (10). Piers erfreuten sich in viktorianischer Zeit großer Beliebtheit und dienten vor allem Vergnügungszwecken.  Der West Pier wurde 1866 von Eugenius Birch (1818-1884) erbaut, 1893 verlängert sowie mit einem Pavillon am Brückenkopf versehen.  1916 wurde außerdem eine Konzerthalle hinzugefügt und 1932 ein Eingangsgebäude errichtet.                                                                           Das filigrane Bauwerk wurde aufgrund von Baumängeln 1975 geschlossen. Die letzten großen Zerstörungen ereigneten sich im Dezember 2002 und Mai 2003 nach Stürmen und zwei verherrenden Bränden. Die heutige Ruine steht aber weiterhin unter Denkmalschutz. Ein Wiederaufbau ist nicht in Sicht, allerdings sollen die Reste gesichert und die Strukturen der Anlage wieder sichtbar gemacht werden. Auf dem Vorplatz ist außerdem ein 183 Meter hoher futuristischer Aussichtsturm mit dem Namen i360 geplant (http://www.brightoni360.co.uk/).

Wenige Meter weiter östlich dominiert das Grand Hotel (11) die Seefront. Das viktorianische Gebäude mit italienischen Einflüssen wurde 1864 nach Plänen des Architekten John Whichcord Jr. (1823-1885) für Mitglieder der  Oberschicht errichtet. Bis heute ist es eines der teuersten Hotels der Stadt. Ein Bombenanschlag der IRA im Jahr 1984, welcher der damaligen Premierministerin Margaret Thatcher galt, machte das Bauwerk weltbekannt.

Das Grand Hotel wird von zwei Bauwerken jüngeren Datums eingerahmt. Auf der westlichen Seite erhebt sich hinter der Bebauuung an der King´s Road das 102 Meter hohe Wohnhochhaus Sussex Hights. Es wurde zwischen 1966 und 1668 anstelle einer Kirche errichtet und ist mit 24 Stockwerken das höchste Gebäude in Brighton. Architekt war Richard Seifert (1910-2001), der vor allem zahlreiche Gebäude für London entwarf. Der Bau ist bis heute aufgrund seiner Dominanz in historischer Lage umstritten.                                                                         Direkt an der King´s Road östlich des Grand Hotels steht das Odeon Brighton von 1973. Das rechteckige, schlichte Lichtspielhaus ist sicherlich nicht architektonisch herausragend, besticht aber  durch seine auffälliges Dachformen.

Von hier aus führt der Rundgang weiter am Meer zum Ausgangspunkt, dem Brighton Pier, zurück.

Zur Vertiefung:                                                                                                                          Nicholas Antram & Richard Morrice (2008): Brighton and Hove: City Guides

Für den Besuch:                                                                                        http://www.brighton-hove.gov.uk/                                                           http://www.brighton-hove-rpml.org.uk/RoyalPavilion/Pages/home.aspx

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