Die Villa Savoye

Am westlichen Ortsrand von Poissy, etwa 30 Kilometer in nordwestlicher Richtung von der Pariser Innenstadt entfernt, liegt die Villa Savoye. Kein Geringerer als Le Corbusier (1887-1965) entwarf das Haus, das zwischen 1928 und 1931 auf einer Anhöhe über der Seine für die Familie Savoye als Wochenenddomizil erbaut wurde. Durch ein kleines Wäldchen von der Straße abgetrennt, besticht die weiße Villa durch ihre schlichte Formensprache.

Die Bedeutung des Wohnhauses liegt vor allem darin, dass Le Corbusier hier konsequent seine in den 20er Jahren entwickelten „fünf Punkte zu einer neuen Architektur“ umsetzte. Daher kann das Gebäude zu den prominentesten Bauwerken der Frühmoderne gezählt werden. Die „Fünf Punkte“ beinhalten erstens, das Haus auf Stützen zu stellen. Damit wollte Le Corbusier feuchte Kellerräume vermeiden und dem Gebäude eine schwebende Erscheinung verpassen. Zweitens sah der Architekt die Nutzung des Daches als Dachgarten vor, um die bebaute Fläche des Baugrundstückes wieder zurückzugewinnen. Drittens ermöglicht die Bauweise eine freie Grundrissgestaltung. Da das Haus durch die Verwendung von Stahlbeton keine Mauern mehr benötigt und einzelne Pfosten die Decken halten, übernehmen die Wände keine tragende Funktion mehr.  Dadurch können die Trennwände auf jeder Etage variabel angeordnet werden. Dies betrifft auch die Fassade des Hauses. Diese ist viertens vom tragendem System unabhängig und kann nach Belieben gestaltet werden. Fünftens können schließlich, da die Fassade nicht mehr tragend ist, Langfenster eingebaut werden. Dies führt zu einer verbesserten Beleuchtung der Innenräume – eine wichtige Forderung der 20er Jahre.

Damals wie heute nähert man sich der Villa aus südlicher Richtung. Der eigentliche Haupteingang liegt jedoch auf der anderen Seite des Hauses. Um die Villa bequem mit dem PKW zu erreichen, ließ Le Corbusier auf dem Grundstück eine Fahrbahn anlegen. Die halbrunde Form der Eingangshalle (1)* folgt dem Wenderadius eines Autos, das direkt vor der Haustür, unter den tragenden Betonpfeilern geschützt, geparkt werden kann. Die Eingangshalle ist rundum verglast. Von hier aus führen eine Wendeltreppe (5) und eine großzügige Rampe (2) in die erste Etage – der eigentliche Wohnbereich.  Neben der Eingangshalle befinden sich im Erdgeschoss die Autogarage, das Dienstbotenzimmer (16) und die Waschküche (15), die wegen ihrer Ausrichtung und Helligkeit auch als Wintergarten genutzt werden kann.

Die Zimmer in der ersten Etage sind um den Terassengarten (3) herum angeordnet. Auf dem Weg zum Schlafzimmer der Eltern (12) passiert man das zentrale Badezimmer (13). Liegesofa, Leinenvorhang und ein Lichtschacht gehören zu den markanten Besonderheiten.  Das Schlafzimmer wird durch einen Wandschrank im Eingangsbereich strukturiert.  Zwei kleine Pfosten markieren auf der linken Seite den Standort des Bettes. Im Anschluss an das Schlafzimmer folgt das Boudoir (14). Das Zimmer des Sohnes (11) ist über einen schmalen, in kräftigem Ultramarinblau ausgemalten Flur (9) zu erreichen.  Auch hier fungiert ein Schrank als gliederndes Element, indem der Raum in einen Schlaf- und einen Arbeitsbereich unterteilt wird. Das Badezimmer des Sohnes und der Gäste (10) verfügt über zwei Zugänge. Neben dem Sohn hat auch der Gast einen direkten Zugang dazu. Das Gästezimmer (8) weist ebenfalls einen Wandschrank auf und ist wie alle Schlafzimmer des Hauses mit Parkettboden ausgestattet. Ein Deckenfenster beleuchtet einen kleinen Waschraum. In die Küche (7) gelangt man über ein längliches Anrichtezimmer, von dem aus eine Durchreiche die Verbindung zum Wohnzimmer (6) herstellt.  In der Küche selbst dominieren zahlreiche Schränke und gekachelte Arbeitsflächen.  Der größte Raum des ganzen Hauses ist das Wohnzimmer.  Eine große Glasschiebetür leitet zum Terassengarten über. Auffällig ist die Beleuchtung des Zimmers, die durch eine lange Lampenreihe aus Nickelstahl erfolgt. Die den Terassengarten einschließenden Wände besitzen Bandfenster, die Blicke auf die umgebende Landschaft ermöglichen. Von hier aus führt die Rampe zum Solarium (4), einem Dachgarten, der seinen Namen von der Nutzung als Sonnenterasse bezieht. Die geschwungene Form der Windschutzmauer entspricht der Rundung der Eingangshalle. Eine Öffnung in der Achse der Rampe gibt den Blick auf das Seinetal frei.

Neben der Villa befindet sich auf dem Grundstück direkt am Straßeneingang das Haus des Hausmeisters bzw. Gärtners. Es stellt das einzige gebaute Beispiel einer „Maison minimum unifamiliale“ dar, ein von Le Corbusier und seinem Cousin Pierre Jeanneret entwickeltes Konstruktionsmodell eines minimalistischen Einfamlienhauses.

Die Villa wurde während des Zweiten Weltkriegs zuerst von deutschen Truppen und dann von den Alliierten besetzt und dabei stark in Mitleidenschaft gezogen. 1958 erwarb die Stadt Poissy das Grundstück von der Familie Savoye. Die ersten Plänen sahen den Abriss des Gebäudes und die Errichtung einer Schule auf dem Gelände vor. Kurz darauf erkannte man jedoch den architekturgeschichtlichen Wert der Villa, übertrug sie 1962 in Staatsbesitz und stellte sie zwei Jahre später unter Denkmalschutz. In den folgenden Jahrzehnten wurde sie von Grund auf restauriert. Heute kann das Haus besichtigt werden.

*Die Zahlen orientieren sich an der Nummerierung auf den unten abgebildeteten Grundrissen.

Zur Vertiefung:                                                                                                                          Jacques Sbriglio (2008): „Le Corbusier: La Villa Savoye“                                        Timothy J. Benton (1984): „Le Corbusiers Pariser Villen aus den Jahren 1920 bis 1930″

Für den Besuch: http://villa-savoye.monuments-nationaux.fr/en/

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